Anne Bernasconi – Biel / Schweiz

Anne Bernasconi (Foto: Lukas Unseld 2019)

Anne Bernasconi lebt in einer zweisprachigen Schweizer Gemeinde oberhalb von Biel/Bienne im Kanton Bern. Neben Deutsch und Französisch spricht sie Italienisch. Die Ausdruckskraft der Worte und die Klangkraft der verschiedenen Sprachen ist der studierten Sängerin wichtig bei ihrer Arbeit als Kulturvermittlerin.

Die 51-jährige macht Führungen im Neuen Museum Biel, gestaltet Lesungen in Bibliotheken und Kindereinrichtungen und bringt in lebendigen, interaktiven Spaziergängen Menschen das Kulturgut der Umgebung nahe. Erwachsene und Kinder tauchen mit der Künstlerin aktiv ein in Geschichte und Geschichten. Anne lädt dazu ein, spielerisch die Sinne zu öffnen und die Welt auf poetische Weise wahrzunehmen.

Kulturvermittlung mit Schulklasse / Neues Museum Biel NMB (Foto: Patrick Weyeneth)

„Die Epoche im Frühling 2020 empfand ich zunächst als surreal.
Meine Lesungen und Workshops waren abgesagt, meine Kinder hatten Fernunterricht und auch mein Mann arbeitete zuhause. – Nach und nach richteten wir das Leben neu ein:
Ich arbeitete viel im Garten. Pflanzen wurden zu meinen anfassbaren Freunden. In der Küche kreierte ich farbige, aromatische Menüs für die Familie. Ich experimentierte mit Sauerteig, buk Brote, die jedes Mal anders waren. Wir reparierten Dinge und ließen die Fassade unseres Hauses restaurieren.

In den Wald zu gehen tat mir gut. Ich lernte die Namen der Pflanzen, die ich sonst immer wieder gesehen hatte, ohne sie zu kennen. Der Waldesraum wurde zu einem großartigen Festsaal. Ich empfand bei jedem Spaziergang eine gewaltige Vergrößerung meiner Wohnfläche. Der Wald wurde ein zauberhafter Gemeinschaftsraum. Er bleibt Tag und Nacht offen.  Er spendet Umarmung, Nahrung, Einsichten, kostenlos.“

Performance / Lesung Kulira, Landart Biel 2018 (Foto: Mike Wolff)

„In der Zeit des Lockdowns machte ich auch bei einem Lyrikprojekt per e-mail mit. – Wähle ein Gedicht, einen Text, eine Reflexion, die bei dir eine gute Erinnerung auslöst oder die dir in einer schwierigen Zeit geholfen hat und sende es weiter! – Das war die Aufforderung der Initiatoren. So haben sich Menschen, die Kraft aus der Poesie schöpfen, verbunden und einander unterstützt.

Eine andere Einladung kam: Schreibe den Anfang einer Geschichte und lass sie weiterziehen, damit Andere sie weiter schreiben. Die Beteiligung an einem gemeinsamen Text, obschon hintereinander, zaubert ein Gemeinschaftsgefühl. Das geschaffene Werk macht Mut. Kreation zeichnet Lichtblicke.

Inzwischen ist die Pandemie allgegenwertig im öffentlichen und privaten Raum. Ihre Wellen überrollen einen Teil unseres Lebens.
Aber wir sind viel mehr als nur ein Ohr vor dem Radio, ein Auge vor dem Fernseher.
Es gibt Millionen Räume die völlig frei von Corona sind. Die Türe zu diesen Orten, will ich wahren. Ich genieße jeden Moment, wo ich Kultur vermittle. Ich erlebe diese Momente als gemeinsames Essen an einem grossen Tisch.

Ich führte vor kurzem eine Schulklasse in eine historische Druckerei. Die 8-jährigen Kinder bekamen einen Winkelhaken in die Hände gedrückt und fingen an, ihren Namen aufzusetzen. Der Geruch von Druckfarben und Öl. Die schweren Charaktere in Blei, das Blindmaterial, das Cicero Mass, die Kniehebelpresse, die Druckproben: ein tolles Erlebnis“

Druckerei (Foto: Lukas Unseld)

„Nach monatelanger Pause habe ich neulich eine Leseanimation für 2 bis 4-jährige Kinder durchführen können. Eine Mutter kommt auf mich zu: Ihre Lesung fördert die Kinder und belebt uns als Eltern zu tiefst. Ihre Worte sind wie Vitamine. Danke!“

Kilira: La poésie nourrit notre quotidien Kita-Projekt 2019 (Foto: Lukas Unseld)

„Ich setze mein praktisches Tun in Haus und Garten fort und bin geistig aktiv – nicht rational, sondern bildlich, imaginativ. Es ist eine fruchtbare Zeit innerlich. Mir geht es darum, die eigenen Innenräume zu wahren und subtile geistige Nahrung zu finden.
In der jetzigen, äußerlich instabilen Zeit ist es wichtig, sich der eigenen inneren Schätze bewußt zu werden, sie zu pflegen, sich an ihnen zu erfreuen. Das kann ganz spielerisch gehen. Für mich sind Worte Schätze.“

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